Liebesprobe

Ein Gran Canaria Roman von Jutta Weber-Bock

Das Meer lag wie ein blassblauer Streifen in der späten Morgensonne. Neben der gut ausgebauten Straße nichts als trockene Grasbüschel zwischen Vulkangestein. Im Unterschied zum tropisch feuchten Norden war der Süden Gran Canarias trocken und wild. So stand es im Reiseführer. hatte Pierre die felsenbraune Landschaft genannt. Birgit schwitzte unter dem Fahrradhelm, und langsam wurde ihr Gesicht heiß. Sie löste den Blick vom Asphalt und hob den Kopf. Vor ihnen lagen Serpentinen, die weiter oben an der wolkenumhangenen Linie zwischen Bergmassiv und Himmel im Nichts verschwanden. Sie hatte kräftig in die Pedale getreten und es war ein Gefühl, als ob sie sich stundenlang Haut an Haut mit Pierre bewegt hätte. Das kannte sie zwar gut von ihrem Kurztripp nach Südfrankreich vor zwei Jahren, als sie sich nur zum Essen lachend aus dem Hotelbett gewälzt hatten. Aber jetzt war es ganz anders, jetzt schwitzten sie zum ersten Mal in einem gemeinsamen Rhythmus, und Pierre war die ganze Zeit bei ihr. Nur bei ihr. An später denken, das wollte sie nicht und konnte doch nicht anders. Sie brauchte endlich Gewissheit.
Wildziegen zogen über die Straße. Als zwei Zicklein versuchten, mit ihrem Vorderrad Fangen zu spielen, bremste sie vorsichtig und sprang vom Sattel. Setzte den Helm ab und zog den Pferdeschwanz fest.
„Bleib so”, rief Pierre von hinten, „tolle Kombination!”
Wie beim Skifahren. Wenn er sie vor einer Bergkulisse fotografieren konnte, stoppte er auch mitten in einer schwierigen Abfahrt. Sie streckte sich ein bisschen, damit sie etwas größer wirkte. Er hatte einen guten Fotografenblick. Auf seinen Fotos siehst du aus wie ein Filmstar, hatte ihre Freundin Juliane aus Hamburg mal gesagt und anerkennend genickt. Bewegungsloses Trinken. Lauwarme Brühe. Fruchtsaft mit Wasser. Sie schielte über die Schulter. Berge. Gab bestimmt ein wunderbares Foto, zusammen mit den Ziegen. Sie ließ ihre Blicke wandern. Dr. Faulimel! schaukelte es in ihrem Kopf. Pierres Mutter hatte kurz vor seiner Geburt den Familiennamen Faulhimmel umschreiben lassen in Faulimel. Ihren einzigen Sohn nannte sie Pierre. Pierre Faulimel. Noch war er nur wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität. Bald aber würde in Berlin Prof. Dr. Pierre Faulimel, Diplom-Mineraloge auf seiner Visitenkarte stehen.

demand verlag Waldburg 2005
15 Euro, Paperback, 172 Seiten
ISBN 3-935093-37-3

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