Ortswechsel nach Melle - Fußball und Holland
17. Juni 2014

Von einem Wochenendbesuch in meiner Heimatstadt Melle hätte ich alles erwartet, aber nicht, dass mein Herz sich in den Zeiten der Fußballweltmeisterschaft ausgerechnet für den holländischen Fußball entflammt. Fünf zu eins gegen Spanien - kein Krimi konnte dieser Vorstellung das Wasser reichen.
Die tänzerische Ballbeherrschung eines Arjen Robben oder der Flugkopfball eines Robin van Persie zeigen mir, wie wichtig es ist, nicht aufzugeben und sich alles abzufordern. Und wie sie gelaufen sind, die Oranjes - mir fällt dazu nur ein: Training, Training und nochmals Training. Schon meine Großmutter, die als junges Mädchen in Holland gearbeitet und das Schlittschuhfahren auf den Kanälen geliebt hat, wusste davon ihre Geschichten zu erzählen, die mich später immer wieder samstags nach Enschede auf den Markt gezogen haben.

Jutta Weber-Bock Rathaus Melle

Der Gummibaum

Regelmäßig samstags. Markttag. Wir standen vor dem Lastwagen. Auf der Ladefläche zauste der Wind ein Blättermeer. Günstig waren die Pflanzen in Holland, Pflanzen und Käse. Zwei Monate Griechenland, nachdem die Diktatur jetzt dort zu Ende war. Zwei Monate mit dem Schlafsack unter echten Gummi-Bäumen, das wünschten wir uns nach dem Abitur, kein halbes Jahr mehr bis dahin. Dann würden wir endlich richtig selbstständig sein. Wenn nur der Numerus clausus nicht gewesen wäre. Wir konnten nicht studieren, was wir wollten, wussten aber auf der anderen Seite noch gar nicht, was aus uns werden sollte.

„Meine Herrschaften, eine einmalige Gelegenheit, greifen Sie zu! Ficus benjamini. Besonders pflegeleicht.“ Der Verkäufer hob ein schmächtiges Bäumchen hoch, das sich im Wind schüttelte. „Heute drei zum Preis für eins“, sagte er und schnappte sich noch einen Ficus und noch einen. „Können Sie in einen Topf pflanzen, verträgt auch Hydro, praktisch, wenn sie im Urlaub sind.“ Drei zusammen sahen gut aus, nicht mehr so zerfranst. Aber wir wollten erst noch Käse kaufen und uns umsehen.

Wir kauften alten Gouda, ein kleines Stück, Emmentaler für Pizza und Ziegenbrie.

„Die Erde können Sie einfach abwaschen und die Wurzeln dann in Hydro einbetten“, rief der billige Jakob. Unsere Oma hatte in Holland gearbeitet, als ganz junges Mädchen, da gab es richtige Gummi-Bäume, so hoch wie das Zimmer. Der Verkäufer schüttelte die Bäumchen. „Ficus benjamini, drei Stück, 10 Mark. Greifen Sie zu! 8 Mark! Letztes Angebot, drei für fünf! Na, junge Frauen, worauf wartet ihr noch, ach, nehmt sie mit, nein, ich will nichts, gehen Sie! Halt, Sie kriegen noch was drauf“, sagte er, „für alle Lebenslagen, Blattglanzspray, aufsprühen und gut einpolieren! Regelmäßig.“ Vielleicht half das beim Abitur?

 

erschienen in:
Wir vom Jahrgang 1957 - Kindheit und Jugend
Wartberg Verlag, Gudensberg-Gleichen 2005
12,90 Euro, gebunden, 64 Seiten, zahlreiche farbige Fotos, ISBN 3-8311315-57-4

Wir vom Jahrgang 1957 online bestellen:
amazon.de
Wartberg Verlag