Rückschau - Lyrik auf dem Liebfrauenberg 2014
2. Juli 2014

Stimmen von Teilnehmer/innen 2014 / Programm Liebfrauenberg 2014 - Von der Wahrnehmung zum Gedicht

Zum zweiten Mal trafen sich am letzten Wochenende im Juni auf dem Château du Liebfrauenberg im Nordelsass Lyrikbegeisterte zu einem Workshop.

In diesem Jahr stand das Seminar unter dem Motto Von der Wahrnehmung zum Gedicht. Dinge, die wir sehen, sind Dinge, wie wir sie sehen. Was wir mit dem Geist sehen, ist für uns ebenso wirklich wie das, was wir mit dem Auge sehen. (Wallace Stevens)

Gemeinsam haben wir unsere Sinne zunächst für Dinge geschärft, die uns im Normalfall unwichtig und nebensächlich erscheinen - ein Spiegel, ein Wasserglas oder ein Kissen. Unsere Wahrnehmung benutzt verschiedene Kanäle, die wir selbst oft nicht vorhersehen können. Plötzlich knirscht es zwischen den Zähnen ... „Poesie wie Brot? Dieses Brot müsste zwischen den Zähnen knirschen und den Hunger wiedererwecken, ehe es ihn stillt. Und diese Poesie wird scharf von Erkenntnis und bitter von Sehnsucht sein müssen, um in den Schlaf der Menschen rühren zu können. (Ingeborg Bachmann)

Von der Wahrnehmung zum Gedicht heißt: Mit allen Sinnen wahrzunehmen.
Das Wetter hat es uns leicht gemacht - Linden und Esskastanien blühten und zogen mit ihrem süßen Duft unzählige Bienen an. Die Luft war erfüllt, von einem Summen und von Gedichten.

Wie im letzten Jahr zauberte Eric in der Küche für das Augenwohl und versorgte nebenbei auch die leiblichen Bedürfnisse - Gemüse im Dampf gegart, zartester Haifisch oder Soufflé - und erzeugte so Bilder in uns, die Ahnung, dass da mehr ist als das, was dem Auge begegnet. (Charles Simic)

Doch die Wahrnehmung des anderen ist nicht wie die eigene, aber gerade daraus entstehen poetische Bilder - Apfelkuchentage oder Laub zwischen den Beinen in der Pistolenschlucht - zurück auf dem Liebfrauenberg ergeht es uns auch nicht besser: Fahrstühle reißen ihr gähnendes Maul auf. [Kursivsetzung: aus Gedichten von Teilnehmer/innen]

Wir flüchten uns zur Kräuterspirale im Klostergarten und zu den Hummeln. Der Blick ins Liebfrauental lohnt immer noch, aber ein Mondregenbogen sorgt sich um eine Bunkeridylle. Wobei wir bei der „Ligne Maginot“ wären, die uns rund um den Liebfrauenberg unausweichlich an jeder Stelle begegnet und Verse schreibt: Mütter rühren in Töpfen mit gekochtem Gras - ich schmecke den Rauch deiner Küsse ... auch wenn die Raupen die Hälfte des Sommers fressen - ameisen marschieren mit geschulterter angst ... eiswein trinken kälber und kinder - ich kehre um, es riecht nach regen. [Kursivsetzung: aus Gedichten von Teilnehmer/innen]

Aus der Wahrnehmung von Dingen in der Umgebung von Liebfrauenberg, seiner Geschichte, realer und erdachter Begegnungen haben wir uns Verse erarbeitet - mit viel Freude und Lust, sich weiter mit Gedichten einzuseifen. [Kursivsetzung: Anmerkung einer Teilnehmerin]

„Ein gutes Gedicht ist ein Beitrag zur Wirklichkeit. Die Welt ist nie mehr, was sie war, wenn man sie einmal um ein gutes Gedicht vermehrt hat.“ (Dylan Thomas)

Rückschau 2013 - Beitrag von Wolfgang Haenle / Programm Liebfrauenberg 2013 - Wie ein Gedicht entsteht