Rückschau - Lyrik auf dem Liebfrauenberg 2016

28. Juni 2016

Am letzten Wochenende im Juni trafen sich bereits zum vierten Mal Lyrikerinnen und Lyriker auf dem Château du Liebfrauenberg im Nordelsass zu einem Workshop. In diesem Jahr stand das Seminar unter dem Thema Vom Ich zum Gedicht.

„Viele Leser erwarten vom Gedicht noch immer eine unmittelbare Selbstaussage des Dichters, der seine ureigensten Gefühle, Sorgen, Leiden, und Lüste in Worte kleidet. Das ist ein Missverständnis. Für mich ist das Ich eine schöne Maske, die man aufsetzen kann oder auch nicht. “ (Jan Wagner)


Workshopteilnehmer/innen 2016
Foto: ©Wolfgang Haenle

Wir haben mit einem Schreibimpuls für einen Spontanvers begonnen, der Nase, Ohren und Augen - den Mund zum Schrei, zum Kuss oder zum Lachen öffnen sollte. Ziel war es, beim Dichten alle Sinne zu gebrauchen, um so vom Ich zum Gedicht zu kommen ... auf dass die Verse gar köstlich munden ...
Möglich ist es aber auch, Anleihen aufzunehmen - aus einer Zeitungsmeldung, einem Märchen, von einer bestimmten Person ... Namen zu erfinden genauso wie Onkel, Tanten, Großeltern oder Schlossherrn und Klosterschwestern und sie mit dem ICH zu schmücken. Die beste Fiktion ist die, von der der Leser meint, sie sei vom Autor erlebt worden.
Wallace Stevens sagt: „Realität ist nicht das, was sie ist. Sie besteht aus vielen Realitäten, zu denen sie gemacht wird.“

Das Zitat aus dem Roman „Altes Land“ von Dörte Hansen „... ein gedeckter Tisch wie ein Familienalbum ...“ hat uns zu lyrischen Elementen in der Prosa geführt. Prosa, die mit solch starken Bildern arbeitet, evoziert Erinnerungen, die wiederum mit neuen kräftigen Bildern aufgeladen ist.
Sylvia Plath sagt über Lyrik im Vergleich zur Prosa: „Eine Tür geht auf, eine Tür geht zu. Dazwischen sieht man ein Einzelbild: Einen Garten, eine Person, einen Wolkenbruch, eine Libelle, ein Herz, eine Stadt. Ich denke dabei an diese runden viktorianischen Papierbeschwerer aus Glas ... eine durchsichtige Kugel, in sich abgeschlossen, sehr rein, mit einem Wald, einem Dorf oder einer Familie darin. Man kehrt ihn von unten nach oben, dann zurück. Es schneit. Im Moment ist alles verändert.“
Wollen wir also vom Ich zum Gedicht kommen, müssen wir das Autobiographische verändern, es schneien lassen mitten am Ende vom Juni. „So findet ein Gedicht statt“, sagt Sylvia Plath. „Der Dichter muss ein meisterlicher Kofferpacker sein:
»Das Erscheinen dieser Gesichter in der Menge:
Blütenblätter auf einem nassen, schwarzen Ast.«“

Die Teilnehmer/innen haben sich in einem weiteren Arbeitsschritt auf die Suche gemacht, und zwar nach Prosaelementen in der Lyrik. Wo reicht es unter Umständen nicht aus, etwas in Versen sagen sagen zu wollen, wo brauchen wir vielleicht - lyrische - Prosa? Wie kann die Prosa mit ihrem erzählerischen Ansatz die Lyrik ergänzen und unterstützen?


... auf der Suche nach dem (lyrischen) Ich ...
Foto: ©Wolfgang Haenle

Gleichzeitig haben wir uns so auch auf die Suche nach dem lyrischen Ich begeben:
Wir können ausgehen von einem autobiographischen Innenerlebnis, das heißt von der eigenen Erfahrung, oder von einem autobiographischen Außenerlebnis, also einem Impuls.
Die Verse können aus der Innenbetrachtung mit einem Ich, einem Du, einem Wir oder einer Person sprechen, wobei wir im Gedicht in eine Rolle schlüpfen, uns verkleiden, lügen, stehlen, betrügen, morden und lieben. (Walter Delabar) Das ICH des Gedichtes ist genauso wenig das ICH des Autors wie der Schauspieler nicht die Person ist, die er spielt.
Wählen wir hingegen die Außenbetrachtung von Dingen oder Tieren, haben wir die Möglichkeit etwas „für sich sprechen zu lassen“.
Und setzen wir eine auktoriale Maske auf, sprechen quasi anonym durch sie hindurch, zeigt sich daran das Beispielhafte. „Ob als Ich oder im Anonymen, durch Masken gesprochen oder von Wendepunkten des Lebens und der Jahre erzählend: am und im Einzelnen zeigt sich auch Beispielhaftes. Das Schreiben beginnt mit einer Enge im Hals; es formt noch vor jedem Satz einen Ton“, sagt Raoul Schrott.


... Poesie als Baumgestalt ...
Foto: ©Wolfgang Haenle

„Durch das Nadelöhr seines Ichs muß der Lyriker hindurch ins Allgemeine ... Der Lyriker muß gegen den Trend gehen, nicht sein, wie jeder. Indem der Lyriker den Menschen hinführt zu sich selbst, macht er ihn hellhöriger für die Zeit, in der er lebt. ... Der Lyriker muß immer wieder neu den Gegensatz aufreißen zwischen dem, was ist, und dem, was sein sollte“, sagt Hilde Domin. - So können wir vom Ich zum Gedicht kommen.
Am Schluss stand ein Zitat von dem Maler Alexej von Jawlensky: „Gesichter sind für mich nur Hinweise, um in ihnen anderes zu sehen; das Leben der Farbe, erfasst von einem Leidenschaftlichen, einem Verliebten.“
Übertragen auf die Frage "Vom Ich zum Gedicht" bedeutet es, dass wir uns vollkommen lösen müssen von der Wiedergabe einer realen Person, einer Situation - in der Malerei geschieht dies mit Farbe, in der Lyrik mit Bildern.
Es geht im Gedicht nicht um eine porträthafte Ähnlichkeit von Personen, Situationen, sondern um den Ausdruck geistiger Inhalte und innerer Vorstellungen und Gedanken, die beim Leser entstehen. Es geht darum, wie das Gedicht gestaltet ist, welche Form es hat, aber ohne dass Form dabei eine leere Hülle ist.

„Das Wesen großer Werke ist genau, dass in ihnen die volle Präsenz der inneren Welt (Phantasie) mit der vollen Präsenz der äußeren Welt (Dinge) kombiniert und ein Einklang gebracht wird.“ (Ted Hughes)

 

Stimmen von Teilnehmer/innen 2015 / Programm Liebfrauenberg 2015 - Der Weg zum guten Gedicht
Stimmen von Teilnehmer/innen 2014 / Programm Liebfrauenberg 2014 - Von der Wahrnehmung zum Gedicht
Rückschau 2013 - ein Beitrag von Wolfgang Haenle / Programm Liebfrauenberg 2013 - Wie ein Gedicht entsteht