Rückschau - Lyrik auf dem Liebfrauenberg 2017

13. Juli 2017

Stimmen von Teilnehmer/innen 2017 / Programm Liebfrauenberg 2017 - eine hand voll du - Liebesgedichte

Zum fünften Mal trafen sich Lyrikerinnen und Lyriker am letzten Juniwochenende auf dem Château du Liebfrauenberg im Nordelsass wieder zu einem Workshop. In diesem Jahr stand das Seminar unter dem Thema eine hand voll du - Liebesgedichte - das Spektrum der Liebe aufzuzeigen und das Sehen mit all unseren Sinnen (wieder) zu lernen, war dabei ein Ziel.


Workshopteilnehmer/innen 2017
Foto: ©Wolfgang Haenle

Eine Reihe von Schreibimpulsen hat uns auf ungewöhnlichen Wegen zum Thema Liebe geführt - Ich liebe meinen Koffer (meinen Rucksack, meine Reisetasche) ..., pars pro toto, wie eine Person reist und was sie mitnimmt auf eine Reise, spiegelt auch immer das eigene Leben wider und die Liebe zu sich selbst.

eine hand voll du impliziert das ganze Spektrum der Liebe ... Liebe heute, das heißt auch Liebe in einer unverbindlichen Medienwelt, in der uns angeblich alles serviert wird. Die Suche nach Nähe, das Bedürfnis nach Zuwendung ist aber ein Grundbedürfnis menschlichen Lebens. In einem weiteren Schreibimpuls haben wir uns deshalb den Helden des Alltags zugewandt. Glühbirne, Klobürste, Wäscheklammer - einfache Dinge sind es, die unseren Alltag prägen - die Helden des Alltags wecken Erinnerungen und Emotionen und leisten tagein, tagaus großartige Dienste. Über eine Wäscheklammer oder eine Klobürste zu schreiben, wenn es um das Thema Liebe geht, evoziert ungewöhnliche Einfälle und Bilder, die uns dem sinnlichen Erleben, ein wesentlicher Bestandteil jeglicher Liebe, näher bringen.

Das Gedicht geht durch das Haus und sucht den Umgang mit Dingen, so Lutz Seiler.

Gedichte zeigen authentische Wege, Ziele und Abgründe auf, kleine Facetten, Details. Es sind Dominosteine, die Liebe bewirken.

Wie herrlich das Unschöne, das Unästhetische, das Gewöhnliche, das Kleine aufleuchten kann, wenn es vor den rechten Hintergrund gesetzt wird. Es kommt in Liebesgedichten auch - und vor allem - darauf an, ein Gefühl für die Welt zu entwickeln, was Liebe zu Menschen und Dingen sein könnte: eine oftmals geradezu kindliche Werbung für die gewaltige Aufgabe des Herzen, sagt Michael Krüger im Nachwort zu dem Band Liebesgedichte von William Carlos Williams.

Das Zitat Man sieht mit geschlossenen Augen viel besser als mit offenen von Charles Simic hat uns zu dem Schreibimpuls Muscheln und Kiefernzapfen geführt.


Tastend die Liebe erkunden ...
Foto: ©Wolfgang Haenle

Ulrike Almut Sandig sagt im Nachwort zum Jahrbuch der Lyrik 2017, dass es darauf ankommt, den Blick auf den Mikrokosmos zu schärfen, um darin Muster aufzudecken, die auch das gesellschaftliche Miteinander prägen.

Denn, fügen wir hinzu, wie soll man die Welt lieben, das gesellschaftliche Miteinander, wenn man sich nicht selbst liebt - vor allem aber - den Kiefernzapfen, die Butterblume, die Muschel, die Wolken ...

Alles kann mit allem verknüpft werden, Gegenstände, Personen und Tiere, abstrakte Begriffe und konkrete Gestern, Räume und Zeiten. ... Körperteile und Küchengegenstände, Würfelspiele und Musikinstrumente, kleinstes Getier und seltsame Mischwesen vollführen einen grotesken Reigen. (Ralph Dutli, Nachbemerkung zu dem Band Fatrasien)

Fazit: Alles hat unmöglich zu sein und nichts vernünftig. - Das heißt: Im poetischen Sinne ist alles möglich.
Foto: ©Wolfgang Haenle

Liebesgedichte können ein Weg sein, Realität, Wunschträume, aber auch Abgründe menschlicher Beziehungen aufzuzeigen und nichts auszulassen.

Christine Lavant hat gesagt: Ich dulde gar nichts zwischen dir und mir. Dieses Zitat diente uns als weiterer Schreibimpuls. Vom Glück der gefundenen oder vom Unglück der verlorenen Liebe zu erzählen gehört zu den Urmotiven der Lyrik ... Aber Liebesgedichte geben in ihrer Art und Weise des Auftritts, ihrer Selbstverständlichkeit oder Verschämtheit, ihrer klaren oder verstellten Sprache, immer auch Auskunft über die Umstände ihrer Entstehung. ... Wechselwirkungen von Individuum und Gesellschaft, von privater Empfindung und allgemeiner Angelegenheit, von persönlicher und historischer Geschichte. ... Oft überschneiden sich die Motive der Liebe innerhalb eines Gedichtes, nehmen hier die Gestalt der Frau an und dort die der Sache, so Kurt Drawert im Nachwort zu dem Band Liebesgedichte von Wladimir Majakowski.

Liebe „verbindet“ einander ausschließende Motive, das Wort „Gedicht“ wird zu „geh dicht“ (bei mir). Liebe hat etwas Magisches, das es in Versen zu beschwören gilt.

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Kleine Bildergalerie (Fotos: ©Wolfgang Haenle)