Jutta Weber-Bock
Lykische Nacht
Der Vollmond war schuld. An ihrer Wachheit. An der schmerzhaften Klarheit ihrer Gefühle.
Zu gern würde sie mit jemandem zusammenleben, zu gern hatte sie ihre Freiheit. Katja mochte diesen Widerspruch der Einsamkeit. Wusste, sie musste damit leben. Sie wollte leben damit.
Allein war sie, wie so viele Nächte davor. Allein würde sie sein, die Nächte danach. Sie konnte aufhören, allein zu sein, wann immer sie wollte. Daran dachte sie oft und blieb allein.
Ihre Gedanken schwebten leicht über der Tanzfläche unter dem sternenklaren Herbsthimmel, spiralten sich durch ihr Leben. Sie lächelte. Etwas würde passieren. Heute Nacht. Bei diesem Vollmond.
Sein Licht hielt ihn wach. Dieses Licht des vollen Mondes. Seine Gedanken und Gefühle waren so klar, dass es fast schmerzte.
Seit zwei Stunden tanzte diese Frau. Allein. Ein paar Mal hatte sie ihn angeschaut. Wie in den Nächten zuvor. Hatte sie diesmal nicht gelächelt?
Sie bewegte sich wie in Trance, zeichnete mit ihren Händen geheimnisvolle Linien um den Mond, sprang nach den Sternen. Hübsch klein war sie.
Ein Lufthauch strich vom Meer durch die Tanzenden, und die Lichterketten schaukelten zwischen den Piniennadeln. Sie bewegte sich vorsichtig auf Zehenspitzen. Ein neues Lied. Sicher fand sie den Takt. „Mister Vain“.
Die zwei Männer vom Nachbartisch schauten ihr schon eine Weile zu. Leere Bierflaschen drängten sich auf dem Tisch. Wortfetzen wehten durch die Musik. „Guck‘ mal, die Kleine da. Die ist echt scharf.“ Katja lächelte und tanzte.
„Was? Welche?“ „Na, die mit den etwas zu groß geratenen Tennisbällen unter dem weißen T-Shirt.“ „Ganz schön wackelig bei ihrem Gehopse …“ Jetzt bewegte Katja ihre Hüften sanft hin und her, die beiden Deutschen grinsten und nickten ihr zu. Sollten sie.
Beim dritten „Mister Vain“ floh Katja durchgeschwitzt von der Tanzfläche, lief an der Bar entlang und schaute den Gästen suchend in die Gesichter. Schließlich schüttelte sie heftig ihre Haare und zog einen Pullover über das nasse T-Shirt. Ganz langsam verschwand sie mit ihrem Schatten zwischen den Häusern.
„Mister Vain“ blieb zurück mit seinen stampfenden Rhythmen und dem eintönigen Singsang, wurde leiser, schwebte in der Luft, bereit, emporzusteigen und sie in die Arme zu schließen.
Ahmad bestellte das dritte Bier und klopfte mit den Fingern den Takt. Er trank in kleinen Schlucken. Sonst trank er nicht. Erst seit diesem Vollmond. Und seitdem er diese Frau gesehen hatte. Plötzlich war sie verschwunden. Und der Nachbartisch leer. Ahmad nippte an seinem Bier. Wo sollte sie schon hin? Schlafen würde sie sicher nicht. Noch nicht. Gestern Nacht war sie bis um zwei am Strand gewesen. Allein. Er wusste, wo er sie finden würde. Sie liebte diesen Badesteg. Und heute hatte sie ihn angelächelt.
Ungestüm warf sich Katja dem Mond an den Hals, ließ sich von ihm auf den Steg ziehen. Fast war das fahle Licht warm, aber es war wohl die laue türkische Luft, die sie streichelte.
Die Wellen krochen den Sand höher hinauf als die Tage zuvor. Vollmondzeit, Lebenswechsel.
Warum sie nur abends vorn am Steg diese Holzplatte entfernten?
Kleine Welle, zisch. Platsch, die nächste überschlug sich, leckte am trockenen Sand, verfolgte von einer neuen, die kraftlos verebbte, weit zurückwich. Jetzt der mutige Sprung auf den schmalen Holzbalken. Kleine Welle, zisch. Gleichgewicht. Sanft schwang die Badebrücke unter ihren Joggingschuhen.
Der Mond spiegelte sich immer noch auf der glatten Fläche des Swimmingpools, als Ahmad ihr zum Strand folgte. In einer Woche würde er arbeitslos sein, die Clubanlage geschlossen über den Winter. Der Gärtner brauchte in dieser Zeit keine Hilfskräfte.
Die beiden Schatten, die ihm durch die Häusergassen folgten, bemerkte Ahmad nicht. Obwohl sie sich nicht schattenhaft leise bewegten.
Der Weg zwischen den Häusern hindurch verbarg ihn, das wusste er, so konnte sie ihn vom Steg nicht sehen. Aber sie würde ohnehin nur auf das Wasser und in den Himmel starren.
In den Gärten war es ruhig. Er würde sie fragen, ob sie Lust auf einen Spaziergang hätte. Sorgsam legte er sich die deutschen Worte zurecht. Er hat ganz gut Deutsch gelernt in den drei Sommern, seitdem er hier arbeitete.
Sich einen Namen ausdenken. Maria? Katharina? Er war sicher, dass sie aus Deutschland kam.
Jetzt war er unten auf dem Weg. Der Mond und das Bier machten ihm Mut. Er lief zum Strand, sprang auf den Steg. Eine Welle erwischte seinen linken Turnschuh.
Das Geländer der Badeleiter schimmerte weiß im Mondlicht, rostig raue Stellen scheuerten an ihrer Handfläche. Gestochen klar zeichnete sich die Linie des Horizonts ab, verschwunden war der Dunst des Sonnenuntergangs.
Die Bergsilhouette von Olüdeniz, ein Schattenriss mit Lichtern, verankerte sich fest in ihrem Bewusstsein. Das nächste Mal würde sie sich die Sinterterrassen ansehen. Und sie würde wiederkommen, sie musste zurückkehren an die lykische Küste. Unbeugsam wären die Lykier gewesen, so war es überliefert. Ihr gefiel das. Diese Unabhängigkeit. Morgen früh war der Urlaub zu Ende. Doch sie war sicher, heute Nacht würde noch etwas geschehen.
Ein Schatten traute sich auf ihren Steg.
„Warum bist du so allein?“ Ein bisschen fremd klang sein Deutsch. Aber er fragte sehr direkt.
Katja schluckte. Musste sie jetzt Angst haben?
Ganz leicht drehte er den Kopf und der Mond zeigte sein Gesicht. Jung. Dunkles volles Haar. Üblicher Schnauzbart.
Unschlüssig zupfte er an seiner Goldkette, versteckte den halbmondförmigen Anhänger in seinem weißen T-Shirt und schaute sie an. Suchte ihre Augen. Ihren dunkelblonden Lockenkopf. Jetzt trug sie einen roten Baumwollpulli zu den hellblauen Jeans und den Joggingschuhen.
„Warum bist du so allein?“ Beim ersten Satz war sein Deutsch immer unsicher. Hoffentlich merkte sie es nicht. Es war egal, was sie ihm antworten würde, wahrscheinlich würde sie nur lächeln, so, wie sie in sich hineinlachte beim Tanzen. Gleich würde er sie fragen, ob sie spazieren gehen möchte, und sie würde unmerklich mit dem Kopf nicken. Später, im Palmenhain, würde er seinen Arm um ihre Schultern legen. Das würde ihr gefallen.
„Weil ich allein sein will!“ Sie atmete auf, und im gleichen Augenblick tat er ihr leid.
Ahmad wich zurück vor ihrer Antwort. Ihm blieb nur, stumm ihre Worte zu wiederholen. Ihre Stimme war anders, als er sich vorgestellt hatte. Fast machte sie sich über ihn lustig. Sie wollte allein sein, wollte sie wirklich allein sein? Angst hatte sie nicht.
„Wo kommst du her?“ fragte er weiter.
„Deutschland.“
„Oh, darum kannst du so gut tanzen.“ Hoffentlich war das richtig gewesen.
Höflich war er ja. Katja fühlte sich sicher, und plötzlich musste sie lächeln. Er stand immer noch da. Was sollte sie sagen, sollte sie etwas sagen? Eigentlich wollte sie nichts von ihm.
Warum lachte sie nur? Er wusste doch, dass sie aus Deutschland war. Wollte sie tatsächlich allein sein? Bei einem solchen Mond?
Sein Lob auf ihre Tanzkünste, das war daneben gewesen. Was sollte sie darauf schon antworten, und was sollte er anderes tun, als aufgeben.
Er dreht sich zum Ufer, da hört er ihre Stimme.
„Und, wo kommst du her?“
„Türkei.“
Sie klang richtig nett, jetzt. Gab sich Mühe, schade, nun sagte sie nichts mehr.
„Tschüs, noch eine schöne Nacht“, rief er ihr zu.
„Dir auch.“ antwortete sie, dabei wollte sie gar nicht zynisch sein. Zu spät, er drehte sich um, ging rasch die paar Schritte bis zum Ende des Stegs und sprang runter in den Sand. Ob er jetzt nasse Füße hatte?
Ahmad hob die Hand zum Gruß. Sie wollte allein sein. Jetzt war der rechte Schuh auch nass. Erst auf dem Weg hielt er an, blickte zurück und schaute ihr zu, wie sie sich drehte und wendete. „Katharina“ würde zu ihr passen.
Den Kopf im Nacken drehte sich Katja langsam um die eigene Achse, verband die Sterne zu Bildern, sehnte sich in das tiefe Schwarz des Nachthimmels. Tastete nach dem Geländer, die Farbe würde bald völlig abblättern.
Dann ließ sie sich auf den Holzplanken nieder. Seltsam vertraut mit der Schattenkulisse der Berge am Horizont sah sie sich selbst ganz deutlich.
‚Ich bin hier und will nirgendwo hin. Wenn das Holz nur nicht so feucht wäre.‘ Katja rieb über ihre Hose und zog sich an der Leiter hoch.
Nachdenklich ein paar Schritte als Hans-guck-in-die-Luft, dann ließ sie sich gefangen nehmen von der Mondfrau. Du bist an allem schuld, du mit deinem hellen Licht. Ja, ich weiß, es ist mir nicht unangenehm, ich wundere mich nur, dass es immer wieder passiert. Lach nur in dich hinein, ja, ich müsste es doch kennen, und wie, ich freue mich immer, wenn du dick und rund wirst, dann weiß ich, es wird wieder passieren, wenn dein Licht mich zum Leuchten bringt.
Da war sie wieder, diese schmerzhafte Klarheit ihrer Gefühle. Den Mond und die Nacht festhalten, das wäre gut. Die Sterne, näher als Menschen. Dunkel klatschten die Wellen gegen die weißrostige Badeleiter. Der Mond zeigte ihr den Meeresgrund.
Langsam ging sie zurück, zögernd, doch fest entschlossen. Sie hörte die Discomusik, wartete lange auf die kleine Welle und sprang vom Steg. Ein schmatzender Tritt, dann knirschte der feine Sand unter den Sohlen und schob sich in die Rillen der Joggingschuhe.
Fünf Uhr. Zu früh oder zu spät, wenn man nicht geschlafen hatte wie Katja. Im Bus versuchte sie sich die ersten Strahlen des Morgens vorzustellen, doch sie schlief ein, die Hand fest um eine Goldkette mit einem Halbmondanhänger. Ahmad, sein leises Stöhnen hallte in ihrem Kopf nach. Sie wusste doch, dass etwas passieren würde in dieser Nacht.
Gefunden haben sie ihn im nächsten Frühjahr. Als die Sprinkleranlage repariert werden sollte. Unter einem Hibiskusstrauch in der Nähe des Palmenhains lag er. Ein süßlicher Gestank vermischt mit dem Geruch frischer Blüten. Sein Körper aufgeplatzt und angefressen, in einer schmutzigbraunen Lache. Die Augenhöhlen leer. An den weißen Turnschuhen mit den roten Streifen erkannte der Gärtner seinen Gehilfen, der im letzten Herbst zum Ende der Saison verschwunden war. Niemand hatte ihn damals vermisst. Jeden Winter war er in die Berge zu seinen Verwandten gezogen, im letzten Jahr eben etwas früher. Jetzt war er wieder da, Ahmad, der so jung aus dem Hochland gekommen war. Den Schädel mit einem stumpfen Gegenstand zertrümmert. Niemand hatte etwas gesehen. Niemand wollte jetzt etwas wissen.
erschienen in: MADAME, März 1995, Magazinpresse Verlag GmbH Zeitschriften & Co. KG, München 1995