geschmackvoll morden

Baden-Württemberg und die große weite Welt haben einiges gemeinsam. Kulinarische Leckerbissen beispielsweise. Doch im beschaulichen Baden-Württemberg gibt es nicht nur Gaumenfreuden – das Verbrechen lauert hinter Ecken, in Küchen, Kellern, im Kuhstall oder in einsamen Seitenstraßen.
In 25 Krimis zeigen Ihnen die Mörderischen Schwestern Baden-Württembergs die schaurig-schöne Seite des sonst so friedlichen Fleckchens Erde, wo man nicht nur geschmackvoll zu kochen, sondern auch zu morden weiß. Genießen Sie ausgewählte kulinarische Gerichte und lassen Sie sich in die Welt des Verbrechens entführen.
Die Mörderischen Schwestern sind ein Netzwerk, das die von Frauen verfasste deutschsprachige Kriminalliteratur fördert und unterstützt. 600 Mitglieder zählt der Verein in Deutschland, Österreich und der Schweiz – 55 davon in Baden-Württemberg.

In der Anthologie bin ich mit der Geschichte "Maikäfersuppe im April" vertreten. [Leseprobe]

Heute Abend bin ich nicht zu Hause.
„Und was wird aus mir?“ Judith Meier-Lenz wanderte im Gewölbekeller in der Mozartstraße hin und her und strich sich mit den Fingern durch die kurzen dunklen Haare. „Wo wohne ich, solange du weg bist?“
Es ändert sich nichts. Nur bin ich nicht da.
„Ein Haus, das nicht zu Hause ist.“ Sie strich über die alten Ziegelsteine. „An ein sprechendes Haus habe ich mich in den letzten zwei Jahren gewöhnt, doch es beunruhigt mich, wenn du ausgehst, liebes Brunnenhaus. Das ist noch nie vorgekommen. Wie kannst du dich selbst verlassen?“
„Das Netzwerk der alten Häuser, ich habe dir davon erzählt, hat eine Versammlung einberufen. Was immer auch passiert ist. Wie gut, dass heute die lange Einkaufsnacht ist. Wer achtet da schon auf uns alte Häuser. Komm doch mit!“
„Ich muss schlafen. Der Papierkram heute hat mich ganz fertig gemacht. Als Privatdetektivin bin ich zwar frei, aber frei habe ich nie. Vielleicht sollte ich zurück zur Kripo. Hier in Stuttgart ist eine Stelle ausgeschrieben. Dieser Kommissar, du weißt schon, Walther Steinle, er hätte mich gerne als Kollegin.“
Du erzählst mal wieder Märchen. Er wäre wenig entzückt. Mach das bloß nicht! Was soll dann aus uns beiden werden? Wir sind ein gutes Team. Ich helfe dir bei deinen Fällen und dafür beschützt du mich. Ich brauche dich. Das alte Hotel am Charlottenplatz, wo wir uns vom Netzwerk immer treffen, es war ziemlich aufgeregt. Komm mit! Bist du nicht neugierig?
Sie rieb sich über die Nase. Da war er wieder. Dieser Geruch nach Vanille. Er gehörte zum Brunnenhaus und zu ihr. „Verzeih. Ich bin todmüde. Warte mal! Verrat mir noch eines, wie passt ihr alten Häuser zusammen in das kleinste Hotel Stuttgarts?“
Es kommen nie alle von uns. Und es sind nur die Hun-Seelen, die Atemseelen, die unsere Mauern für eine Weile verlassen. Sie nehmen keinen Raum ein. Ein Haus im Dunkeln ist wie ein Gespenst, das durch die Luft schreitet. Erinnerst du dich? Falls einer von uns stirbt, Abriss kommt da am häufigsten vor, steigt seine Hun-Seele auf und schwebt weiter über der Stadt. Nichts geht verloren, alles bleibt erhalten, nur in einer anderen Qualität. Allerdings ist es uns lieber, wenn unsere Mauern stehen bleiben können. Dafür setzen wir uns ein. Ich muss los. Zieh dir Schuhe an und komm! Eine Jacke brauchst du nicht. Ein milder Abend.
Sie schüttelte vehement den Kopf und vermisste die Zöpfe, die sie in der Waldorfschule getragen hatte. Es war ein Spiel mit dem Brunnenhaus. Es redete, was sie sich ausdachte. Oder nicht. Wie früher, wo sie hier im Gewölbekeller unwahrscheinliche Geschichten ersonnen hatte. Damit war Schluss. Sie würde ins Bett gehen. Übermüdet war sie, hörte Stimmen. Hoffentlich hatte niemand gelauscht, wie sie im Gewölbekeller wieder mit sich geredet hatte. Sie atmete tief ein und aus, langsam und stetig, wie es ihr das Brunnenhaus beigebracht hatte, und gähnte.
Als sie die Treppe hinauf in ihre Wohnung im ersten Stock ging, hing plötzlich ein Rauschen und Brausen in der Luft, und die Eingangstür schlug ins Schloss. War sie offen gewesen? War es weg, das Brunnenhaus? Absurd. ...

geschmackvoll morden
herausgegeben von Mareike Fröhlich
Wellhöfer Verlag, 320 Seiten, 12,95 Euro
ISBN 9783954282586

erscheint am 20. September 2019

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