Rückschau - Lyrik auf dem Liebfrauenberg 2018

20. Juli 2018

Stimmen von Teilnehmer/innen 2018 / Programm Liebfrauenberg 2018 - unterwegs

Am ersten Wochenende im Juli trafen sich Lyrikerinnen und Lyriker zum sechsten Mal auf dem Château du Liebfrauenberg im Nordelsass zu einem Workshop. In diesem Jahr stand das Seminar unter dem Thema unterwegs - Schreibsituationen. Wir haben uns das Satzfragment „Das dort ist nun hier geworden ...“ von Karl Philipp Moritz (Reisen eines Deutschen in Italien in den Jahren 1786 - 1788) zu eigen gemacht, waren auf äußeren und inneren Wegen unterwegs und haben uns auch jenseits der Karte bewegt.

 

Teilnehmer/innen Liebfrauenberg 2018
Workshopteilnehmer/innen 2018
Foto: ©Wolfgang Haenle

Wenn wir uns auf den Weg machen, unterwegs sind, geht es immer auch um die Daheimgebliebenen ... Daheim geblieben sind normalerweise Menschen, aber zu Hause geblieben sind auch ganz viele Dinge, die wir nicht einpacken konnten: von der Streichholzschachtel über das Sofa bis hin zum Klavier oder dem Balkon, sogar ein ganzes Dorf war dabei und hat eine Postkarte mit Versen erhalten. Postkarten schreiben wir nicht für uns und trotzdem erzählen wir immer von uns selbst (geben Lebenszeichen), auch wenn wir vermeintlich vom Reiseland sprechen.


Foto: ©Wolfgang Haenle

Unterwegs waren wir auf äußeren Wegen „mit allen Sinnen“ und haben uns gestattet, dabei ganz „von Sinnen“ zu sein, wenn das Licht Blaubeeren pflückt oder das gefieder am wind gerieben wird.


Foto: ©Wolfgang Haenle

Arthur Rimbaud sagt „der  Poet betreibt die Entfesselung aller Sinne“. Ein „Kreativ-Spaziergang“ (Klaus Eckardt) hat uns nicht nur in den Garten und zum Insektenhotel geführt, sondern auch poetische Wege ins innere Biotop aufgezeigt: Von der geranienpflicht kommen wir zu birkenvolants - Vom nahen Waldrand/trägt mir ein Luftzug Blätter-/gespräche heran - eine eidechse hebt den kopf und kratzt sich schamlos - schmetterlinge lüften sonnenstrahlen und Buchfinken blättern in Liederbüchern. „Wir träumen von Reisen durch das Weltall:/ist denn das Weltall nicht in uns?/Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht./Nach innen geht der geheimnisvolle Weg.“ (Novalis)


Foto: ©Wolfgang Haenle

Ein besonderes Vergnügen war es, jenseits der Karte unterwegs zu sein. Alle Wege haben uns nach „Mola“ geführt, wo die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit wohnt. Der Deckenventilator verwirbelt/abgestandene Phantasien. Da geraten kakaostrophen molala mo/ans labium von fliegtier wort oder es liegt ein mollton im ohr wegen der brandung. Immer aber wartet an der mole ein maulwurf mit leberflecken, und socken riechen fromm.

„Ein Mensch, der sich keinen auf einer Tomate dahingaloppierenden Reiter vorstellen kann, ist ein Idiot“, sagt Salvador Dalí. Nun, wir jedenfalls haben es genossen, wieder einmal auf Tomaten zu reiten, dieses Mal wieder unterwegs zu sein auf dem Liebfrauenberg.


Foto: ©Wolfgang Haenle

[Kursivsetzungen aus Gedichten der Teilnehmer*innen; ©bei den Teilnehmer*innen]

Stimmen von Teilnehmer/innen 2017 / Programm Liebfrauenberg 2017 - eine hand voll du - Liebesgedichte
Stimmen von Teilnehmer/innen 2016Programm Liebfrauenberg 2016  - Vom Ich zum Gedicht
Stimmen von Teilnehmer/innen 2015 / Programm Liebfrauenberg 2015 - Der Weg zum guten Gedicht
Stimmen von Teilnehmer/innen 2014 / Programm Liebfrauenberg 2014 - Von der Wahrnehmung zum Gedicht
Rückschau 2013 - ein Beitrag von Wolfgang Haenle / Programm Liebfrauenberg 2013 - Wie ein Gedicht entsteht

Seminarimpressionen (Fotos: ©Wolfgang Haenle)